Was mit dem menschlichen Körper im Weltall passiert, ist keine abstrakte Frage mehr. Sie ist der Kern eines der drängendsten medizinischen Probleme der bemannten Raumfahrt – und ein neues Experiment von NASA und JAXA liefert nun konkrete Daten, die Planer zukünftiger Mars-Missionen aufhorchen lassen sollten.
24 Mäuse wurden auf die Internationale Raumstation geschickt. Kein Selbstzweck, sondern gezielte Forschung: Die Tiere lebten in speziellen Käfigen, in denen sich die Schwerkraft präzise regulieren lässt. Das Ziel war, herauszufinden, ab welchem Gravitationsniveau der Muskelabbau beginnt – und ob die Schwerkraft auf dem Mars ausreicht, um zumindest einen Teil der physiologischen Stabilität zu erhalten.
Die Antworten sind ernüchternd. Und sie werfen eine Reihe von Folgefragen auf, die bislang kaum öffentlich diskutiert werden.
Warum Muskeln im All so schnell verfallen
Muskeln arbeiten auf der Erde permanent – auch wenn man still steht. Die Schwerkraft zwingt den Körper dazu, sich permanent gegen sein eigenes Gewicht zu stemmen. Im Orbit fällt diese Last weg. Der Körper interpretiert das als Signal: Diese Muskulatur wird nicht mehr gebraucht. Der Abbau beginnt innerhalb von Tagen.
Astronauten auf der ISS trainieren deshalb täglich bis zu zwei Stunden auf speziellen Widerstandsgeräten. Das verlangsamt den Verlust, stoppt ihn aber nicht vollständig. Nach einem sechsmonatigen Aufenthalt kehren viele mit deutlich geschwächter Bein- und Rumpfmuskulatur zurück. Die Rehabilitation dauert Wochen, manchmal Monate.
Das eigentliche Problem für die Mars-Planung ist jedoch subtiler: Was passiert bei partieller Schwerkraft? Der Mars hat etwa 38 Prozent der Erdgravitation. Ist das genug, um den Verfall zu bremsen – oder setzt der Abbau trotzdem ein, nur langsamer?
Das Versuchsdesign: Vier Schwerkraftzonen, ein entscheidender Muskel
Die 24 Mäuse wurden vier Gruppen zugeteilt, die jeweils unter unterschiedlichen Gravitationsbedingungen lebten:
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- Mikrogravitation: annähernde Schwerelosigkeit, wie sie auf der ISS herrscht
- 0,33 g: ein Drittel der Erdgravitation, nahe den Marsbedingungen
- 0,67 g: zwei Drittel der Erdgravitation
- 1 g: normale Erdgravitation als Kontrollgruppe
Der Fokus lag auf dem Soleus-Muskel, einem tiefliegenden Wadenmuskel, der beim Menschen für Haltung und Ausdauer zuständig ist. Er reagiert besonders empfindlich auf Schwerkraftveränderungen und gilt deshalb als aussagekräftiger Indikator für den allgemeinen Muskelzustand unter Weltraumbedingungen.
Was die Zahlen tatsächlich zeigen
Die Ergebnisse bestätigen, was viele Forscher befürchtet hatten: Bereits bei 0,33 g – also unter Mars-ähnlichen Bedingungen – zeigte der Soleus-Muskel messbare Veränderungen. Nicht nur in der Masse, sondern auch in der Muskelfaserstruktur selbst. Die Fasern, die für Ausdauer und Dauerlast verantwortlich sind, wurden kleiner und schwächer.
Die Forscher wollten herausfinden, ab welchem Punkt die Muskulatur spürbar an Leistung verliert, obwohl sie optisch noch normal aussieht.
Genau das ist das Tückische: Äußerlich kann ein Muskel noch vollständig erscheinen, während auf zellulärer Ebene bereits erhebliche Umbauprozesse stattgefunden haben. Das macht die Diagnose schwierig und das Risiko für Astronauten auf langen Missionen schwer einzuschätzen.
Mars-Schwerkraft: Kein Schutz, sondern nur eine Verzögerung
Die Hoffnung war groß: Vielleicht reicht die Marsgravitation aus, um den Körper ausreichend zu belasten. Die Daten legen nahe, dass dem nicht so ist. Zwar verläuft der Abbau bei 0,33 g langsamer als in völliger Schwerelosigkeit – aber er findet statt. Und das über Monate, möglicherweise Jahre, wenn man eine langfristige Mars-Besiedlung bedenkt.
Das ist nicht nur ein medizinisches Problem. Es ist ein operationelles Risiko. Astronauten, die nach einer langen Marsreise ankommen, müssen funktionsfähig sein – für Außeneinsätze, für Notfälle, für körperliche Arbeit. Wer mit stark geschwächter Muskulatur landet, ist in einer fremden, schwer zugänglichen Umgebung schlicht verwundbar.
Vergleich der Gravitationsbedingungen und ihrer Auswirkungen
| Schwerkraftniveau | Beobachtete Auswirkung auf den Soleus-Muskel |
|---|---|
| Mikrogravitation (≈ 0 g) | Stärkster Muskelfaserabbau, schnellste strukturelle Veränderungen |
| 0,33 g (Mars-ähnlich) | Merklicher Abbau, Ausdauerfasern verkleinert, trotz optisch normalem Erscheinungsbild |
| 0,67 g | Geringerer Abbau, jedoch keine vollständige Stabilität nachweisbar |
| 1 g (Erdniveau) | Keine signifikanten Veränderungen, Kontrollgruppe blieb stabil |
| ISS-Training (1 g Simulation) | Verlangsamt Abbau, kann ihn aber bei langen Missionen nicht vollständig kompensieren |
Was das für die Trainingsforschung bedeutet
Bisherige Gegenmaßnahmen – Widerstandstraining, Vibrationsplattformen, spezielle Anzüge – wurden für den Einsatz bei annähernder Schwerelosigkeit entwickelt. Für eine Umgebung mit partieller Gravitation wie dem Mars gibt es kaum erprobte Protokolle.
Das Experiment legt nahe, dass neue Trainingsformen entwickelt werden müssen, die gezielt auf die spezifischen Bedingungen bei 0,33 g ausgelegt sind. Das ist nicht trivial: Was auf der Erde oder in der ISS funktioniert, lässt sich nicht einfach auf den Mars übertragen. Unterschiedliche Bewegungsmuster, unterschiedliche Lastverteilung, unterschiedliche Kompensationsmechanismen.
Hinzu kommt die Frage der Ernährung. Muskelerhalt ist nicht nur ein Trainingsproblem. Proteinversorgung, Hormonhaushalt und Schlafqualität spielen eine erhebliche Rolle – Faktoren, die auf langen Raumfahrtmissionen ebenfalls unter Druck geraten.
Die offenen Fragen, die niemand gerne stellt
Das Mäuse-Experiment ist ein wichtiger Schritt, aber es hat klare Grenzen. Mäuse sind keine Menschen. Ihre Muskelphysiologie ähnelt der menschlichen in wesentlichen Punkten, ist aber nicht identisch. Wie genau sich diese Ergebnisse auf menschliche Astronauten übertragen lassen, bleibt offen.
Außerdem: Die Tiere wurden über einen begrenzten Zeitraum beobachtet. Was passiert nach sechs Monaten auf dem Mars? Nach einem Jahr? Nach zwei Jahren, wenn eine echte Siedlungsphase beginnt? Diese Zeiträume sind in Tierversuchen kaum realistisch abzubilden.
Und dann ist da noch die Frage der Reversibilität. Erholen sich die Muskeln nach der Rückkehr zur Erdgravitation vollständig? Oder gibt es strukturelle Schäden, die dauerhaft bleiben? Das Experiment liefert dazu noch keine gesicherten Antworten.
Was die Raumfahrtbehörden jetzt tun müssen
Die Konsequenz aus diesen Daten ist eigentlich eindeutig: Gegenmaßnahmen für Mars-spezifische Gravitationsbedingungen müssen vor einer bemannten Mission entwickelt, getestet und validiert sein. Das erfordert weitere Experimente – idealerweise mit menschlichen Probanden in kontrollierten Zentrifugenumgebungen auf der Erde.
- Entwicklung neuer Trainingsgeräte, die für 0,33 g optimiert sind
- Langzeitstudien mit menschlichen Teilnehmern in simulierten Mars-Gravitationsbedingungen
- Überprüfung, ob pharmakologische Unterstützung den Muskelerhalt verbessern kann
Keiner dieser Schritte ist kurzfristig umsetzbar. Und das ist das eigentliche Problem: Die ambitionierten Zeitpläne für Mars-Missionen – manche sprechen von einem Jahrzehnt oder weniger – lassen kaum Raum für die langsame, geduldige Arbeit, die solche medizinischen Grundlagenfragen erfordern.
Ein Experiment, das mehr Fragen aufwirft als beantwortet
Das ist keine Kritik an der Studie. Im Gegenteil: Gute Forschung definiert sich oft dadurch, dass sie zeigt, wie viel man noch nicht weiß. Das NASA-JAXA-Experiment hat sauber gearbeitet und einen wichtigen Datenpunkt geliefert – dass Mars-Gravitation keinen ausreichenden Schutz vor Muskelabbau bietet.
Was fehlt, ist die nächste Ebene: Was genau passiert auf zellulärer Ebene? Welche genetischen oder epigenetischen Mechanismen steuern diese Prozesse? Und lassen sie sich gezielt unterbrechen?
Die Raumfahrt hat in den vergangenen Jahrzehnten gezeigt, dass sie Probleme lösen kann, wenn sie sie ernst nimmt. Die Frage ist, ob das Bewusstsein für diese physiologischen Risiken schnell genug wächst, um mit den Flugplänen Schritt zu halten. Denn einen Menschen auf den Mars zu schicken, ist eine Sache. Sicherzustellen, dass er dort funktionieren und gesund zurückkehren kann, ist eine ganz andere.








